{"id":394,"date":"2020-01-27T18:05:00","date_gmt":"2020-01-27T17:05:00","guid":{"rendered":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/?p=394"},"modified":"2020-01-27T18:08:33","modified_gmt":"2020-01-27T17:08:33","slug":"menschen-im-abseits-der-gesellschaft-sport-in-der-jva-essen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/2020\/01\/27\/menschen-im-abseits-der-gesellschaft-sport-in-der-jva-essen\/","title":{"rendered":"Menschen im Abseits der Gesellschaft &#8211; Sport in der JVA Essen"},"content":{"rendered":"\n<h4><strong>von David Marx<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Es ist\nMontagmorgen eine hellblaue, dicke Stahlt\u00fcre \u00f6ffnet sich. Als ich durch die T\u00fcr\ngehe, betrete ich eine f\u00fcr mich bis dahin fremde Welt. Es ist die Welt der\nJustizvollzugsanstalt Essen. Die meisten die hierherkommen sind im Gegensatz zu\nmir nicht freiwillig hier. Die JVA Essen ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Vollstreckung\nvon Freiheitsstrafen von bis zu 30 Monaten und hat Kapazit\u00e4ten f\u00fcr circa 530 Gefangene.\nUngef\u00e4hr ein Drittel der Inhaftierten sind Untersuchungsh\u00e4ftlinge. Dementsprechend\nsind potenziell alle m\u00f6glichen Straftaten hier vertreten &#8211; vom Kleinkriminellen\nbis hin zum M\u00f6rder. Sobald ein Untersuchungsh\u00e4ftling ein h\u00f6heres Strafma\u00df als\n30 Monate erh\u00e4lt, wird dieser in eine andere Anstalt verlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch ich bin\nnicht gekommen, um mich mit den Taten der Gefangenen zu besch\u00e4ftigen und mir\nein Urteil dar\u00fcber zu bilden. Ich m\u00f6chte einen anderen Aspekt des\nJustizvollzugsalltags erleben und \u00fcber diesen berichten. Da ich selbst\nleidenschaftlicher Sportler bin und mir ein Leben ohne Sport nicht vorstellen\nkann, m\u00f6chte ich der Frage auf den Grund gehen, welche Bedeutung der Sport in\neiner JVA hat. Zwei Tage lang werde ich die Sportbeamten hier begleiten, am\nSport teilnehmen und viele Gespr\u00e4che f\u00fchren &#8211; und so viel vorab \u2013 mit einer\n\u00fcberraschenden Erkenntnis hier heraus gehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer\ngr\u00fcndlichen Sicherheitskontrolle werde ich gebeten im Warteraum der JVA Platz\nzu nehmen. Mein Onkel (Michael Lucka) ist evangelischer Gef\u00e4ngnispfarrer in\nEssen und holt mich im Warteraum ab. Es ist merkw\u00fcrdig eine so vertraute Person,\nin einem so fremden Umfeld zu treffen. In seinem B\u00fcro angekommen, findet ein\nkurzes informierendes Gespr\u00e4ch mit dem Pressesprecher der JVA (Marc Marin) \u00fcber\nsicherheitsrelevantes Fotografieren und Verhalten statt. Schl\u00f6sser und\n\u00dcberwachungskameras d\u00fcrfen nicht fotografiert werden. Diese Fotos k\u00f6nnten f\u00fcr m\u00f6gliche\nFluchtpl\u00e4ne verwendet werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Es geht weiter\nvom Verwaltungstrakt in den Gefangenentrakt. Das Hafthaus erinnert an amerikanische\nGef\u00e4ngnisfilme \u2013 ein langer Gang, drei Etagen, links und rechts Zelle an Zelle.<\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Insasse oder\nBeamter?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In der obersten\nEtage angekommen befindet sich der Kraftsportraum der JVA. &nbsp;Hier begr\u00fc\u00dft mich ein junger Mann im\nTrainingsanzug. Ich bin kurz irritiert und bin mir nicht sicher ob der\nsportlich aussehende Mann ein H\u00e4ftling, oder doch einer der Beamten ist. \u201eIch\nbin Sebastian, einer der Sportbeamten\u201c, stellt er sich vor. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-398\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Kraftsportraum-1-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Der Kraftsportraum der JVA Essen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die erste Erkenntnis:\nDie Sportbeamten der JVA tragen keine Uniform, sondern Sportklamotten, so wie\ndie Insassen der Sportgruppe. <\/p>\n\n\n\n<p>Sebastian ist einer von vier Sportbediensteten in Essen. Gerade beaufsichtigt er eine Gruppe von 13 Gefangenen, die Kraftsport machen. Um am Sportangebot teilzunehmen, muss ein Inhaftierter einen Antrag stellen und angeben an welcher Sportart er teilnehmen m\u00f6chte. In der JVA Essen werden unter anderem Fu\u00dfball, Kraftsport, Volleyball, Tischtennis und Badminton angeboten. Ist in einer der Gruppen ein Platz frei, bekommt der Insasse eine sogenannte Sportkarte, die ihn dazu berechtigt eine Stunde pro Tag, zu einer festgelegten Zeit, Sport zu treiben. Es gibt klare Regeln beim Sport, so Sebastian: \u201eWenn wir merken ein Gefangener kommt nur zum Sport, um zu quatschen und keinen Sport zu machen, wird dieser ermahnt. Beim n\u00e4chsten Mal fliegt er raus, muss einen neuen Antrag stellen und kommt auf die Warteliste. Wenn hier einer Unruhe reinbringt und Stress anf\u00e4ngt, fliegt er auch raus. Aber die meisten hier halten sich an die Regeln, denen ist der Sport zu wichtig.\u201c &nbsp;Zwei Insassen kommen zu Sebastian: \u201eSebastian, hier der Kollege kann Fu\u00dfball spielen\u201c, sagt ein gro\u00dfer und durchtrainierter Insasse \u00fcber den anderen. \u201eDann komm&#8216; um 13 Uhr vorbei und dann kannst du mal mitspielen\u201c, antwortet Sebastian. Wenn ein Platz in einer Sportgruppe frei ist, weil ein anderer H\u00e4ftling verhindert ist, zum Beispiel durch einen Gerichtstermin, kann es auch schon mal unb\u00fcrokratisch zugehen und ein anderer Insasse darf einspringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite Erkenntnis: Die Sportbeamten und Inhaftierten duzen sich. \u201eIm Sport kann man sich nicht siezen, das ist einfach komisch. Au\u00dferdem haben wir so ein spezielles Verh\u00e4ltnis zu den H\u00e4ftlingen, wir sind n\u00e4her dran. Dennoch ist es immer wichtig eine gewisse Distanz zu wahren,\u201c erkl\u00e4rt Sebastian. Um 11:30 Uhr ist Schluss f\u00fcr die Gruppe, die Gewichte und Hanteln werden wegger\u00e4umt und die Gefangenen gehen duschen. Der Raum wirkt aufger\u00e4umter als so manches Fitnessstudio. Nach dem Training spreche ich mit Andy, ein durchtrainierter Mann, der in Essen seine Strafe absitzt. Er erz\u00e4hlt wie wichtig ihm der Sport ist, um den Alltag ertr\u00e4glicher zu machen und Druck abzulassen. &nbsp;Au\u00dferdem sei der Sport f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zu den anderen Insassen und auch zu den Beamten sehr wichtig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-404\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Bankdr\u00fccken-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Zwei Gefangene beim Kraftsport<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von 11:30 Uhr bis 12:45 Uhr ist Einzelsport vorgesehen. Zu dieser Zeit kann ein Gefangener allein trainieren, der entweder nicht gemeinschaftsf\u00e4hig ist, oder vor anderen H\u00e4ftlingen gesch\u00fctzt werden muss. Heute kommt niemand zum Einzelsport. <\/p>\n\n\n\n<p>Sebastian hat kurz Zeit und zeigt mir das B\u00fcro der Beamten. Darin ein kleiner runder Tisch in der Mitte des Raums, ein Poster des Fu\u00dfballvereins Rot-Wei\u00df Essen und ein Aquarium. Auf den Schr\u00e4nken stehen unz\u00e4hlige Pokale. Die JVA Essen war in den vergangenen Jahren mehrfacher Fu\u00dfball-Landesmeister der Justizvollzugsbeamten. &nbsp;Einmal im Jahr findet ein Turnier statt in dem die Beamten gegen andere Justizvollzugsanstalten aus NRW spielen. Ausrichter ist immer die Gewinnermannschaft aus dem Vorjahr.<br> Die Sportbeamten sind nicht nur f\u00fcr den Sport der Gefangenen zust\u00e4ndig, sondern auch f\u00fcr das sogenannte Deeskalations- und Sicherungstraining (DST). Bei diesem Training werden die anderen Justizvollzugsbeamten in Selbstverteidigung geschult und lernen wie sie sich aus gef\u00e4hrlichen Situationen retten k\u00f6nnen. Ein b\u00e4rtiger Mann mit Glatze betritt das B\u00fcro der Sportbeamten. Er ist breit gebaut und gro\u00df. Auf seinem Unterarm befindet sich ein kleines Schalke 04 Tattoo. &nbsp;\u201eHi ich bin Marcel, und bin hier Sportbeamter,\u201c stellt er sich mit einem breiten L\u00e4cheln vor. Marcel war mehrfacher Teilnehmer an Europameisterschaften im Kickboxen und wird heute das DST leiten, an dem ich ebenfalls teilnehmen werde. Das Verh\u00e4ltnis der Kollegen wirkt locker, es wird gescherzt und gelacht. Keine Spur vom vermeintlich grauen Gef\u00e4ngnisalltag im B\u00fcro der Beamten. Um 12:30 Uhr ist Mittagspause, in der Kantine f\u00fcr die Mitarbeiter der JVA gibt es heute Kartoffeleintopf mit Mettw\u00fcrstchen, zubereitet von den Insassen, die in der K\u00fcche arbeiten. Das Essen schmeckt besser als erwartet. <br> Ab 13:00 Uhr beginnt das DST mit den Beamten. Box und Grifftechniken werden ge\u00fcbt, au\u00dferdem m\u00f6gliche Szenarien besprochen in denen Beamte von Gefangenen angegriffen werden. \u201eAuf alles kann man sich leider nie vorbereiten, aber wir versuchen das Bestm\u00f6gliche\u201c, erkl\u00e4rt Marcel mit ernster Stimme. Den Beamten steht auch eine \u00dcbungszelle zur Verf\u00fcgung, mit der m\u00f6gliche Gefahrenszenarien ge\u00fcbt werden k\u00f6nnen. Nach eineinhalb Stunden und einigen vergossenen Schwei\u00dftropfen ist das Training beendet. &nbsp;Viel Zeit zum Verschnaufen bleibt jedoch nicht. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized is-style-default\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Boxen-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-399\" width=\"572\" height=\"379\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Boxen-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Boxen-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Boxen-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Boxen-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 572px) 100vw, 572px\" \/><figcaption>Boxtraining mit den Beamten als Teil des Deeskalations- und Sicherheitstrainings<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-403\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Grifftechniken-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Sportbeamter Marcel f\u00fchrt Grifftechniken vor<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-400\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/\u00dcbungszelle-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>\u00dcbungszelle f\u00fcr m\u00f6gliche Szenarien auf den Zellen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2><strong>Fairer als\ndie Kreisliga<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Von 15:00 Uhr bis 16:30 Uhr leitet Marcel eine Fu\u00dfballgruppe in der H\u00e4ftlinge spielen, vorher muss vom Beamten kontrolliert werden ob jeder der Teilnehmer eine Sportkarte besitzt. Dann gehen wir gemeinsam in die Sporthalle, gespielt wird sechs gegen sechs, ich spiele mit. Das Spiel l\u00e4uft fairer als so manches Kreisligaspiel ab, und f\u00fcr einen Moment vergisst man im Gef\u00e4ngnis zu sein. Es wird gerannt, gek\u00e4mpft und gejubelt \u2013 alles so wie drau\u00dfen. Als ich einem H\u00e4ftling im Zweikampf aus Versehen vor das Schienbein trete und mich daf\u00fcr entschuldige, sagt dieser \u201ekein Problem, passiert. Au\u00dferdem sind wir keine Memmen.\u201c Auch der Sportbeamte Marcel spielt mit und motiviert sein Team, welches zur\u00fcck liegt. Er ist mit vollem Einsatz dabei. Der 110 Kilo schwere Kampfsportler rennt sich die Seele aus dem Leib. Nach dem Spiel klatschen sich alle ab, die Gefangenen gehen duschen und danach geht es f\u00fcr sie zur\u00fcck in die Zellen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-401\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Fu\u00dfball-2-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Fu\u00dfballspiel in der anstaltseigenen Sporthalle<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-1024x681.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-402\" srcset=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-1024x681.jpg 1024w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-300x199.jpg 300w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-768x511.jpg 768w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-1536x1021.jpg 1536w, http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-content\/uploads\/sites\/142\/2020\/01\/Gruppenfoto-3-2048x1362.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Eine der Fu\u00dfballgruppen in der JVA (2.v.r. Sportbeamter Marcel, ganz rechts ich)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck im B\u00fcro der Sportbeamten sagt Marcel, der schon 20 Jahre in der JVA Essen arbeitet, dass er sich nicht f\u00fcr die Taten der Gefangenen interessiert. \u201eIch gucke mir nicht an, was die Leute gemacht haben. Daf\u00fcr sehe ich keinen Grund. Ich m\u00f6chte hier alle gleich behandeln und daf\u00fcr ist es besser, dass ich nicht wei\u00df wer hier was verbrochen hat.\u201c Als ich ihn zum lockeren Umgang mit den Gefangenen frage sagt er: \u201eDer Grad ist immer ein schmaler zwischen zu locker und zu ernst. Aber das kommt mit der Erfahrung, die meisten Gefangenen halten sich hier an die Regeln und wollen keinen \u00c4rger. Dennoch darf man nie in einen Alltagstrott verfallen und muss immer wachsam sein.\u201c Themen wie Familie und Kinder werden mit den Insassen nicht besprochen, da sind sich Sebastian und Marcel einig. Im Kraftsportraum ist jetzt die Abendgruppe der Gefangenen. Einer der Insassen bittet mich ein Foto von ihm zu machen: \u201eMach&#8216; mal ein Foto, ich dr\u00fccke 180 Kilogramm\u201c, k\u00fcndigt er stolz an. Gesagt \u2013 getan. Im Gespr\u00e4ch mit einem Gefangen sagt mir dieser, dass Sport f\u00fcr ihn hier das Allerwichtigste ist. \u201eHier kann man den Kopf frei kriegen, sonst geht man kaputt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich am Abend\ndas Gef\u00e4ngnis verlasse und wieder in Freiheit bin, ohne dicke Mauern, Stacheldraht\nund Schwei\u00dfgeruch im Fitnessraum, habe ich mich noch nie so sehr damit\nbesch\u00e4ftigt wie sch\u00f6n es ist in Freiheit zu sein. <\/p>\n\n\n\n<h2><strong>Falsche\nErwartungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag das gleiche Procedere: erst durch die Einlasskontrolle, dann hoch zum Kraftsportraum und den Sportbeamten. Marcel begr\u00fc\u00dft mich, als ob wir uns schon Jahre kennen. Ob es die freundliche Pott-Mentalit\u00e4t, oder einfach seine gute Laune ist \u2013 ich wei\u00df es nicht. Dann lerne ich Uwe kennen, ebenfalls Sportbeamter und Sport- und Freizeitkoordinator der JVA Essen. Uwe arbeitet seit 35 Jahren in der JVA Essen und strahlt eine sehr ruhige und souver\u00e4ne Art aus. Auch er best\u00e4tigt mir, wie wichtig der Sport f\u00fcr die Insassen und auch f\u00fcr die Beamten ist. \u201eJe mehr Gefangene beim Sport sind, desto ruhiger ist es f\u00fcr die Kollegen in den Abteilungen. Hier k\u00f6nnen die Gefangenen Druck ablassen.\u201c Marcel und Uwe erz\u00e4hlen, dass sie durch den Sport einen besonderen Draht zu den Gefangenen entwickeln. \u201eDie heulen auch schon mal \u00f6fters hier bei uns, wenn es einem nicht gut geht. Das ist schon eine Art Seelsorge, die wir hier auch machen,\u201c so Marcel. \u201eDas ist ganz wichtig hier f\u00fcr die Resozialisierung, die Leute lernen hier in unterschiedlichen Gruppen miteinander klar zu kommen\u201c, erg\u00e4nzt Uwe.<\/p>\n\n\n\n<p>Um 11:30 Uhr ist wieder ein Zeitfenster f\u00fcr Einzelsport vorgesehen. Doch auch heute kommt niemand. Der restliche Tag verl\u00e4uft ruhig, heute gibt es kein DST und um 15:00 Uhr gibt es eine Volleyballgruppe f\u00fcr die Gefangenen. Als ich am Nachmittag die JVA verlasse, wird mir bewusst wie falsch meine Erwartungen waren. Ich dachte ich treffe auf harte Knastis, die aggressiv werden, wenn man sie foult. Stattdessen bin ich auf ausschlie\u00dflich freundliche und sehr faire Insassen getroffen. Nat\u00fcrlich habe ich nur einen kleinen Ausschnitt der Gefangenen erlebt und sie haben alle Straftaten begangen und sind deswegen in der JVA (ausgenommen sind Untersuchungsh\u00e4ftlinge, die bis zu ihrer Verurteilung als unschuldig gelten). Dennoch steckt auch in diesen vermeintlich harten Kerlen oft noch ein kleines Kind, welches sich riesig freut, wenn es ein Tor schie\u00dft. Der Sport in der JVA Essen ist eine M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Insassen den Alltag f\u00fcr eine kurze Zeit zu vergessen. W\u00e4hrend des Sports spielen Nationalit\u00e4t, Religion, Insasse oder Beamter keine Rolle. Im Sport sind alle gleich. Auch meine Erwartungen an die Beamten waren falsch. Ich erwartete sehr strenge und autorit\u00e4re Typen, und traf auf sehr herzliche und empathische Menschen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich die dicke blaue Stahlt\u00fcr das letzte Mal hinter mir schlie\u00dfe und die JVA verlasse, freue ich mich schon auf meine n\u00e4chste Sporteinheit \u2013 diesmal unter freiem Himmel und in Freiheit. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>Wer noch mehr \u00fcber den Sport und das Leben in der JVA Essen erfahren will, sollte sich die zwei Podcasts anh\u00f6ren. Ein Gespr\u00e4ch ist mit zwei Sportbeamten, das andere mit einem Insassen der JVA. <\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-soundcloud wp-block-embed is-type-rich is-provider-soundcloud wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Gespr\u00e4ch mit zwei Sportbeamten der JVA Essen. by DMarx\" width=\"1020\" height=\"400\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?visual=true&#038;url=https%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F749945311&#038;show_artwork=true&#038;maxwidth=1020&#038;maxheight=1000&#038;dnt=1\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-soundcloud wp-block-embed is-type-rich is-provider-soundcloud wp-embed-aspect-4-3 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Interview mit einem Insassen der JVA Essen zum Thema Sport by DMarx\" width=\"1020\" height=\"400\" scrolling=\"no\" frameborder=\"no\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?visual=true&#038;url=https%3A%2F%2Fapi.soundcloud.com%2Ftracks%2F750447298&#038;show_artwork=true&#038;maxwidth=1020&#038;maxheight=1000&#038;dnt=1\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nvon David Marx Es ist Montagmorgen eine hellblaue, dicke Stahlt\u00fcre \u00f6ffnet sich.&hellip;\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/2020\/01\/27\/menschen-im-abseits-der-gesellschaft-sport-in-der-jva-essen\/\" class=\"more-link\">Continue reading<span class=\"screen-reader-text\"> &ldquo;Menschen im Abseits der Gesellschaft &#8211; Sport in der JVA Essen&rdquo;<\/span>&hellip;<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":207,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pbpTmU-6m","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/394"}],"collection":[{"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/users\/207"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=394"}],"version-history":[{"count":13,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":524,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/394\/revisions\/524"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/journalcologne.hmkw.de\/ju22-online-journalismus\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}